Die "ASAA Lecture Series" der American Studies Alumni Association e.V. hat mit einem Vortrag von Dr. Jeffrey Gedmin ihren Auftakt genommen. Vor etwa 100 Gästen hielt der Direktor des Berliner Aspen-Instituts einen rhetorisch ausgefeilten und provokanten Vortrag – und stellte sich anschließend bereitwillig der Diskussion. Seine Sichtweise des die deutsch-amerikanischen Beziehungen überschattenden Irak-Konflikts fand zwar bei der Mehrzahl der Zuhörer keine Zustimmung, gab aber wertvolle Einblicke in die Argumentation hinter der gegenwärtigen US-Außenpolitik.
Der als gemäßigt-konservativ geltende Gedmin bezeichnet sich selbst als "Atlanticist", steht seinem Land oftmals auch kritisch gegenüber und ist Gegner eines extremen Unilateralismus. Er zeigte sich verwundert, teils auch enttäuscht über die gegenwärtige Haltung Deutschlands in der Irak-Krise – wenn sich auch in der Diskussion zeigte, dass einige Zuhörer eine Krise in diesem Bereich nicht im gleichen Maße sehen wie die US-Regierung. So erläuterte Gedmin an einem Beispiel, dass die deutschen Prioritäten wohl wegen des Wahlkampfs falsch gesetzt worden seien: Bundeskanzler Schröder habe das Thema Irak "benutzt". Er mache sich zwar viele Gedanken über die deutsche Haltung gegenüber den USA, aber, so Gedmin weiter, "ich glaube, er denkt zu wenig an die Bedrohung, die vom Irak ausgeht". Amerika sei durch die Terroranschläge in einem nicht vorstellbaren Maße verletzt worden. Man müsse deshalb bedenken, dass ein Vorgehen beispielsweise im Irak zweifelsohne auch negative Konsequenzen habe, "aber nichts zu tun, hat ebenso Konsequenzen". Nach dem Ende des Kalten Krieges sei nun die darauf folgende Epoche ebenfalls vorbei, und insbesondere Deutschland wolle eigenständiger werden. Das sei auch verständlich, so Gedmin. Aber dann müssten die Deutschen auch damit leben, dass sie in Zukunft nicht an allen militärisch-strategischen Entscheidungen teilhaben könnten. In seiner teils ironisch-bissigen Art erklärte Gedmin, dass die deutsche Einschätzung, oft eine Art "Putzfrau der Amerikaner" zu sein, gerne auch einmal umgekehrt werden könne: "Dann machen die Deutschen die gefährliche Drecksarbeit, und die Amerikaner sind die Putzfrau – gern."
Die Zuhörer im vollbesetzten Hörsaal – unter ihnen der Generalkonsul der Vereinigten Staaten, Fletcher M. Burton, ASAA-Mitglieder, Amerikanistik- und Politikwissenschaft-Studierende, Mitglieder des Fördervereins der Städtepartnerschaft Leipzig-Houston, sowie Dozenten aus Leipzig und Ohio – erlebten einen Abend, der also durchaus gegensätzliche Meinungen aufzeigte und gewollt scharfe Zuspitzungen bot. Umso erfreulicher war es, dass die Diskussion zu keinem Zeitpunkt in einen Schlagabtausch abglitt.
Dr. Gedmin zeigte sich von seinem Publikum sehr angetan und bedankte sich herzlich für die Einladung der ASAA. Bereits in den Achtziger Jahren hatte Gedmin Leipzig mehrmals besucht und seine Studien auf Europa, insbesondere auf Deutschland, konzentriert. "Die Fragen waren sehr gut, und es macht Spaß, mit Studenten zu diskutieren, die sich so ernsthaft für die USA interessieren", so der Direktor des Aspen-Instituts in Berlin, das als "think tank" versucht, die "konservative" amerikanische Denkweise gegenüber politischen Entscheidern, den Medien und eben auch jungen Leuten zu vermitteln. Ein Student über Gedmins Vortrag: "Ich habe in vielen Bereichen eine andere Meinung. Aber es war beeindruckend, einen solchen Redner zu hören und diese amerikanische Sichtweise einmal so erklärt zu bekommen."